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Aus Fremden werden Pflegekinder

Gastfamilien für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schenken Sicherheit und erleben Bereicherung.

Adam, 17, schafft es auch mit Badelatschen an den Füßen, einen Ball immer wieder senkrecht hochzukicken, ohne dass er je den Boden berührt – der offensichtlich begabte Fußballer ist seit einigen Monaten Stürmer in seinem Schongauer Verein. Jawid, 16, holt grinsend, ein wenig stolz, die roten Turnschuhe vor, die er sich kürzlich auf einer Shoppingtour in München gekauft hat. Die waren sein Traum. Adam betrachtet sehr nachdenklich Fotos im dicken Reisetagebuch eines Nachbarn seiner Gastfamilie. Ghana – da hat er lange gelebt. Jawid hat gleich keine Zeit mehr: Nachbar Harry kommt regelmäßig vorbei, um ihm in Mathe auf die Sprünge zu helfen; alle anderen Fächer fallen ihm recht leicht. Adam und Jawid sind beide seit etwa einem Jahr in Deutschland, Bayern – sie verstehen fast alles und sprechen sehr gut Deutsch.

Als „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, so heißen sie im Amtsdeutsch, kamen sie in München an. Aber „unbegleitet“ sind sie nicht mehr. Adam lebt jetzt bei Familie Müller, in einem luftigen, modern gestalteten Haus in der Nähe von Herzogsägmühle. Gasteltern, Bruder Noah (16), eine Katze und zwei schon ausgezogene Geschwister sind jetzt seine Familie; sein Zimmer das eines Jugendlichen, mit Weltkarte an der Wand, Basecaps und Gebetsteppich. Jawid ist bei Familie Lang im Landkreis Weilheim Schongau zuhause, auf dem Land, große gemütliche Wohnküche, in einem Haus, in dem seine Gasteltern schon fünf Kinder und Pflegekinder großgezogen haben. Herzliche Zuwendung, Interesse, Lockerheit prägen den Umgang der Gasteltern mit ihren neuen großen „Kindern“ hier wie dort.

Für Adam ist das neu: „Ich war sehr lange allein und jetzt ist es anders. Sie haben Zeit und fragen, was ist dein Problem, was brauchst Du? – Das hatte ich bisher nie, das ist toll. Alles hier ist gut für mich. Ich lerne etwas, ich bekomme alles, was ich für mein Leben brauche. Ich mag hier gern bleiben!“, sagt er langsam und ernst. Ähnlich Jawid: „Mir geht es sehr gut, ich bin glücklich, hier zu sein. Besonders schön an meinem Leben finde ich das Lernen, das Sportmachen, Fußball und Taekwondo, und meine Mutter bringt mir Schwimmen bei, sie ist Rettungsschwimmerin …“ „… jetzt hast Du das Shoppen vergessen“, lacht diese in seine Aufzählung hinein. Und die Gasteltern? „Er ist super angenehm!“ „Er ist eine Bereicherung!“

42.300 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung einer sorgeberechtigten Person wurden in 2015 in Obhut genommen, so das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. 14.400 unbegleitete Minderjährige haben 2015 einen Asylantrag gestellt, im ersten Halbjahr 2016 knapp 18.000. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, an zweiter Stelle Syrien, gefolgt von Irak und Eritrea. 

Der Blick zurück: düstere Erinnerungen, schlimme Bilder

Als Adam ungefähr sechs war, starb sein Vater in Niger, die Mutter verließ ihn mit dem jüngeren Bruder, er ging nach Ghana, von dort mit 15 allein nach Libyen. Eineinhalb Jahre hat er in Tripolis in einer Elektrofirma gearbeitet und geschlafen. Den Krieg dort hat er hautnah erlebt, Grausames gesehen, schlimme Bilder im Kopf. „Man sah immer Leute sterben – einfach so …“ Lange Zeit haben ihn diese Bilder nachts wachgehalten, erzählt er, langsam wird es weniger. Eine Psychologin habe sich um ihn gekümmert, ihm auch Tabletten gegeben, die er nehmen kann, wenn er wieder nicht schläft. 

Im Frühjahr 2015 hatte er mit vier Kollegen ein Schlauchboot nach Italien bestiegen. Seit einem Jahr ist er in Deutschland. Jawids Familie war bereits vor 16 Jahren aus Afghanistan in den Iran geflohen. Dort macht das Regime afghanischen Flüchtlingen das Leben schwer, sie leben dort weitgehend rechtelos. Es gibt keine gut bezahlten Jobs für die Eltern, Jugendliche bekommen keine gute Ausbildung, dürfen nicht studieren, Sportvereine sind für sie verschlossen. Schlimmer: Die iranischen Behörden ziehen sehr junge afghanische Männer ein und schicken sie schlecht ausgebildet und ausgerüstet nach Syrien in den Kampf gegen den IS. „Jawids Freund ist auf diese Weise umgekommen“, so sein Gastvater – und eine Träne springt seine Wange hinab. Das war das Signal für die Eltern, ihren Sohn auf die Flucht zu schicken. 15 Jahre war er, als er zusammen mit einem Freund die Stadt Gom und Vater, Mutter und vier jüngere Geschwister verließ. Gerade rechtzeitig – kurz darauf wurde nach ihm gesucht … Zu Fuß, mit dem Handy als Wegweiser durch die Türkei nach Izmir, von dort mit dem Schiff nach Griechenland, wieder weite Strecken zu Fuß, schließlich weiter nach Deutschland. „Das war eine sehr schwere Zeit, viel Laufen, kein Essen“, sagt Jawid. Dann: Erstaufnahme Bayernkaserne, von dort nach Schongau. Dass beide auf der Flucht, insbesondere auf dem Meer, Schlimmes, womöglich Traumatisches, erlebt haben, das deuten die Gasteltern nur an; darüber kann und soll nicht gesprochen werden.

Integration geht am besten in Familie

„Wir haben die Anzeige in der Zeitung gesehen!“ – sagen die beiden Gastmütter. Und sich dann spontan zum Handeln entschlossen. „Wir hatten sowieso den Eindruck, die Politik versagt total“, sagt Marianne Lang, „und wir sind sicher, dass Integration in einer Kernfamilie am leichtesten geht, mit allem! Wenn Jugendliche in einer Familie untergebracht sind, kann man sie am besten unterstützen. Von Camps halten wir gar nichts!“ Und: „Ich hab mich spontan angesprochen gefühlt, ganz aus dem Bauch raus“, begründet Barbara Müller ihre Motivation, einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling in ihre Familie aufzunehmen. Bereut hat in diesen beiden Familien diesen Schritt ins Ungewisse noch keiner. Was nicht unerheblich an dem wohldurchdachten Konzept und der sorgfältigen Begleitung der Familien liegen dürfte. 

„Im Herbst 2014 haben wir mit der Konzeptentwicklung begonnen, nach einer Fachtagung in Rosenheim, wo wir „Kinder im Exil“ kennengelernt haben. Meine Kollegen – dazu gehören pädagogisch-psychologische Fachdienste – und ich haben einiges von den Kollegen in Bremen genommen und für unsere Bedarfe angepasst. Es folgten Gespräche mit den örtlichen und benachbarten Jugendämter, weil die dafür zuständig sind. Und im Mai 2015 haben wir mit dem ersten Vorbereitungskurs für Pflegefamilien begonnen.“, so berichtet Sabine Eichberg, stellvertretende Bereichsleiterin für Jugendhilfe in Herzogsägmühle – Diakonie in Oberbayern über die rasche Entwicklung des Projektes.

Gastfamilien werden sehr gut vorbereitet und verlässlich begleitet

Wie auch immer die Motive von Gasteltern sind, einen Jugendlichen in ihrem Haushalt aufzunehmen – da sind etwa einfach der „Wunsch zu helfen“, der Wunsch, „in diesem reichen Land auch etwas zurückzugeben“, das Gefühl von moralischer, politischer Verantwortung, der Gedanke der christlichen Nächstenliebe: Eine verpflichtende Teilnahme an Vorbereitungstreffen sorgt dafür, dass das reine Gefühl auf solide, pragmatische Füße gestellt wird. Zunächst gilt es, in einem Motivationsschreiben darzulegen, was einen zu diesem Schritt bewegt. Es folgt ein persönliches Vorgespräch von Eichbergs Team mit den Bewerbern, „in dem wir auch versuchen herauszubekommen: Wer gehört zu dem Familiensystem, wie ist es aufgebaut. Und dann kommt der zweieinhalbmonatige Vorbereitungskurs mit wöchentlichen Sitzungen, in denen alle für diese Situation relevanten Themen zur Sprache kommen.“, beschreibt Susanne Eichberg den Vorbereitungsprozess. „Ist eine Familie dann entschlossen, lassen wir uns zeigen, wo der junge Mensch wohnen wird, das sollte ein Einzelzimmer sein; die Pflegeeltern legen eine Schufa-Auskunft und ein ärztliches Attest vor. Wir lernen die übrigen Kinder kennen, hören, wie sie dazu stehen, wenn ein weiteres Kind in die Familie kommt. Und wenn dann die Entscheidung auf beiden Seiten getroffen wurde, kommt das örtlich zuständige Jugendamt zum Hausbesuch, weil dieses letztlich die Verantwortung trägt.“

Ist ein Jugendlicher erstmal in einer Familie angekommen, trägt ihn ein ganzes Netz von Verantwortlichen – neben den Gasteltern hält der pädagogisch-psychologische Fachdienst der Jugendhilfe Herzogsägmühle regelmäßig Kontakt, ebenso der meist dem Jugendamt angehörende Vormund, der verantwortlich dafür ist, die rechtlichen und formellen Dinge zu klären.

Die Gasteltern sind sehr angetan sowohl von der Vorbereitung – „die sensibilisiert einen für die wichtigen Themen“ – als auch der Begleitung, die sie erleben. Das funktioniert wunderbar, berichten sie, gibt Sicherheit. Auch Karin Duschek, Regierungsamtfrau beim Amt für Familie und Jugend in Schongau Weilheim und vom Amtsgericht als Vormund eingesetzt, begrüßt die Sorgfalt, die im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen waltet. „Es ist sehr aufwändig, wir mussten uns erst ins Ausländerrecht einarbeiten, man will ja alles richtig machen, weil davon ja so viel abhängt“, sagt sie. Das Jugendamt haftet in allen rechtlichen Fragen; für viele Dinge erteile es aber den Pflegeeltern Generalvollmacht, damit sie nicht „für jede Unterschrift extra zum Jugendamt laufen müssen“. Und sowieso hat das direkte Gespräch hohen Rang. „Entscheidungen werden mit allen Beteiligten zusammen und vor allem mit dem Jugendlichen selbst getroffen, lange hin und her überlegt, was das Richtige sein könnte, zum Beispiel beim Ausbildungsplatz. Wir wollen, dass für diese Jugendlichen alles so funktioniert wie für alle anderen Jugendlichen, unsere Aufgabe ist immer, das Beste für sie herauszuholen“, begeistert Duschek sich. 

Die Jugendlichen selber – auch sie sind von Anbeginn an mitspracheberechtigt; niemand wird „einfach so“ in eine Familie gebracht. Adam und Jawid wurden von Fachleuten in der Erstaufnahmeeinrichtung befragt, ob sie sich das vorstellen können: in eine Familie zu gehen – sie wollten sofort; manch einer will aber auch nicht. Immer werden dann entweder die Eltern – oder, wenn diese nicht greifbar sind, andere Verantwortliche im Herkunftsland um Erlaubnis gefragt. „Allein schon, damit Jugendliche nicht in Loyalitätskonflikte geraten und sich auf die neue Familie wirklich einlassen können“, so Eichberg. Ausgewählt für Pflegefamilien werden vor allem sehr junge Flüchtlinge, denen ein „familiäres Nest“ voraussichtlich guttut, sagt sie. Dagegen sprächen vor allem hohe pädagogische oder psychologische Bedarfe, etwa, wenn Jugendliche nach der Flucht schwer traumatisiert sind, was eine Familie in der Regel überfordert. Für diese suche man eher nach einer passenden Jugendhilfeeinrichtung. 

Dennoch: Es läuft nie alles nur rund. „Es ist ganz klar, dass Familien auch an ihre Grenzen kommen“, sagt nüchtern Dieter Kastenhuber, pädagogischer Fachdienst in dem Team, unter anderem verantwortlich für das Krisenmanagement. „Darauf bereiten wir die Familien auch in der Vorbereitungszeit vor!“ Diese Situation stelle sehr hohe Anforderungen an Familien – Rollen müssen neu definiert, mit unvorhersehbaren Verhaltensweisen des jungen Gastes gerechnet werden. „In einer Krise geht es dann auch darum zuzulassen, dass das so sein darf, dass man an seine Grenzen gekommen ist. Und dann geht es darum zu schauen, welches die Ursachen, welches die Auslöser sind. Und wie man da rauskommt.“ Es helfe nichts, als Sozialromantiker unterwegs zu sein. „Manchmal prallen die unterschiedlichen Kulturen aufeinander und lassen sich nicht verzahnen.“

Probleme gebe es aber auch, „wenn Druck von zuhause kommt – wenn Schlepperkosten bezahlt werden müssen, oder die Familie Versorgungsleistungen benötigt und den jungen Menschen auch in der Hoffnung geschickt hat, dass er aus dem reichen Deutschland ganz schnell Geld schicken kann“, erläutert Sabine Eichberg. Ein Jugendlicher hat bereits erlebt, dass seine Unterbringung in einer Pflegefamilie beendet wurde, weil er lange nicht verstand, dass er während seiner Schulzeit hier kein Geld verdienen kann. Die meisten Krisen lassen sich bewältigen, so die Erfahrung Kastenhubers. 

Rund um die Uhr steht der Fachdienst zur Verfügung, dazu kommt ein dicht gewebtes Netz aus Psychologen, Psychotherapeuten, jugendpsychiatrischen Angeboten. „Wenn Pflegefamilien das Gefühl haben, dass sie alleingelassen werden, entsteht leicht Unmut. Das wollen wir nicht.“ An Situationen, die sie an ihre Grenzen brachten, können sich die Pflegeeltern von Jawid und Adam nicht erinnern. Aber „mich schlaucht es, immer wieder diese Aufs und Abs, wenn ich sehe, dass es ihm nicht gutgeht, das ist eine Grenzerfahrung des Mitleidens“, formuliert Marianne Lang. Über seine Ängste spreche er nicht so sehr mit ihnen, kann sie nicht zugeben, meint sie. Anfangs habe er nur bei abgeschlossener Zimmertür schlafen können, sei manchmal lange nicht herausgekommen, da seien sie oft in Sorge gewesen, einmal haben sie sogar die Tür gewaltsam geöffnet. Die Zurückgezogenheit in seinem Zimmer, die Stille, das kennt auch Barbara Müller gut. Und alle wissen, dass nachts die Alpträume kommen. 

Junge Geflüchtete brauchen über den 18. Geburtstag hinaus einen Schutzraum

Jawid und Adam versichern, dass sie sich nun schon viel besser konzentrieren können und besser lernen können als ganz am Anfang. Bewusst richten sie ihre Gedanken in die  Zukunft. An einem Tag in der Woche nimmt Adam regelmäßig an einem Berufsvorbereitungsjahr teil, da kann er in alle Bereiche hineinschnuppern. Alles im Bereich Metall und Fahrzeuge interessiert ihn sehr; da die theoretischen Voraussetzungen hoch sind, will er jetzt mal in Richtung Maurerausbildung denken. Und weiter Fußballspielen. Jawid will den Mittleren Schulabschluss machen und am liebsten zur Polizei gehen. Erstmal aber macht er ein Praktikum im Kindergarten und dann eins in der Altenpflege – dazu hat er auch richtig Lust. Für beide wird die alles entscheidende Frage sein, ob sie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten. Beide träumen davon. Beide mögen sich überhaupt nicht ausmalen, was passiert, wenn sie sie nicht bekommen. Das ist derzeit der größte Alptraum, der sie auch blockiert. Adam wüsste dann nicht einmal, wo er hingehen soll – es gibt ja niemand mehr. Und so fordert Dieter Kastenhuber, „die Unterstützung dieser jungen Menschen muss deutlich über Erreichen des 18. Lebensjahres hinausreichen, auch dann benötigen sie noch einen Anker! 

Wenn sie mit 18 ihren geschützten Bereich Familie wieder verlassen und zurück ins Asylbewerberheim müssen, zerstört man alles bis dahin Erreichte. Im schlimmsten Fall kommt es zur Retraumatisierung. Das macht wirklich keinen Sinn!“ Adam und Jawid – und ihre Familien – hoffen und werden nicht einfach aufgeben. Und erstmal kicken sie weiter senkrecht Bälle in die Luft, spielen Computerspiele, schauen Videos, treffen Freunde, gehen schwimmen und tragen glücklich rote Sneaker …

Barbara-Maria Vahl